Europas neue Faschisten

Nachfolgend dokumentieren wir kritisch einen Artikel der New York Times vom 17. November zur momentanen Entwicklung des Neo-Faschismus in Griechenland. Der Artikel lässt mehrere betroffene Menschen rechter Gewalt zu Wort kommen und skizziert die Geschichte von Chrysi Avgi. Das Aufkommen des Neo-Faschismus in Griechenland wird im Kontext der Krise betrachtet und Analogien zur neo-faschistischen Transformation in Ungarn unter der rechtspopulistischen Fidesz-Partei und der neo-faschistischen Jobbik hergestellt. Interessanterweise bemerkt der Autor eine historische Kontinuität im Verhalten des griechischen Staates, neo-faschistische Gruppen und Parteien für seine Zwecke zu nutzen.

Verkürzt wird diese richtige Darstellung dadurch, dass

(1) Die Nicht-Aufarbeitung der Junta- und Metaxas-Diktatur nicht thematisiert wird. Sowohl die griechische Gesellschaft, als auch staatliche Institutionen sind weiterhin von faschistischen bis neo-faschistischen Tendenzen geprägt. Nur wenige AnhängerInnen und Folterknechte der faschistischen Militärjunta wurden je für ihre Verbrechen belangt; Feiertage aus der Zeit der faschistischen Metaxas-Diktatur, wie zum Beispiel der Epétios tou Ochi (Jahrestag des Nein!) werden in Griechenland weiterhin ganz offiziell als Nationalfeiertage begangen.

(2) Das staatlichem Interesse in der Krise an einem aufkommenden Neo-Faschismus zwar aufgezeigt wird, aber unthematisiert bleibt, dass es natürlich ebenjene herrschenden ,,demokratischen'‘ Eliten in Griechenland sind, die ein Interesse an einer reaktionären Lösung der Krise auf Kosten rassistisch diskriminierter Minderheiten haben. Diese Interesse speist sich aus der Angst vor einem Verlust ihrer unter PASOK und ND erhaltenen Privilegien und ihrem traditionellen Anti-Kommunismus. Gerade bei dem anhaltenden Erfolg der eurokommunistischen SYRIZA, fürchten diese Fraktionen eine progressive Transformation der Gesellschaft. Bereits in der Vergangenheit waren es eben jene griechischen Eliten, die den Faschismus in Griechenland zwei Mal zur Macht verholfen hatten: Beide Male wurde diese Machtübernahme mit einer drohenden kommunistischen Gefahr legitimiert. Nicht zuletzt deshalb ist die Situation in Griechenland als so brisant einzustufen.

Zum Artikel der New York Times ,,Europe’s New Fascists'‘


1 Antwort auf „Europas neue Faschisten“


  1. 1 Nikos 07. Februar 2013 um 11:46 Uhr

    Ich würde zwei Punkten dieses Artikels widersprechen
    1. ist es eine ziemlich absurde Auslegung, den „Ochi-Tag“ als Relikt der faschistischen Metaxas-Diktatur zu diffamieren. Zwar war es Metaxas, der das italienische Ultimatum zurückgewiesen hatte, aber der Widerstand gegen die italienische Invasion wurde auf breiter Basis vom Volk getragen. Im Bewusstsein der griechischen Bevölkerung handelt es sich daher gerade um ein antifaschistisches Gedenken, weil viele griechische Antifaschsten, den bewaffneten Kampf gegen die italienischen Faschisten als Vorstufe zum damals noch nicht möglichen Kampf gegen die eigenen Faschisten sahen.
    2. ist es genauso absurd, dass irgendjemand in Griechenland, der bei klarem Verstand ist, von SYRIZA eine „progressive Transformation der Gesellschaft“ oder ähnliches erwartet. SYRIZA gehört genauso zum bürgerlichen Spektrum wie ND und PASOK und das weiß auch jeder, selbst wenn man das aus Gründen der Parteienkonkurrenz vielleicht nicht immer so zugibt. SYRIZA ist auch nicht wirklich „eurokommunistisch“ sondern schlicht sozialdemokratisch. Die PASOK, die niemand als „eurokommunistisch“ bezeichnen würde, war in den 70ern jedenfalls viel radikaler als SYRIZA heute. Was beide vereint, ist die Ablehnung revolutionärer Umwälzungen (wie sie zB die KKE anstrebt), die Fixierung aufs Parlament, die Akzeptanz des Kapitalismus und das unbedingte Festhalten an der EU.

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